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Radiolarien


Wunderbare Kleinlebewesen
im Ozean

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Radiolarien, früher manchmal auch als Strahlen- oder Gittertierchen bezeichnet, sind einzellige Meereslebewesen mit kunstvollen, glasartigen Gehäusen. Der Name kommt von den strahlenförmig nach außen gerichteten, sehr feinen Plasmafäden (Axopodien), mit Hilfe derer die Radiolarien Kleinorganismen erbeuten: [radiolarie, lebend] Erst unter der extrem hohen Vergrößerung des Transmissions-Elektronen-Mikroskopes wurde sichtbar, daß die strikt linearen Plasmafäden auf einer komplizierten Substruktur basieren, welche an ein perfekt montiertes Baugerüst erinnert. Diese Gerüst-Substruktur kann von der Radiolarie in kurzer Zeit linear verlängert (aufgebaut) oder verkürzt (demontiert) werden.
Nach dem Absterben der Radiolarien sinken die - bei den meisten Arten silikatischen - Gehäuse auf den Boden des Ozeans, wo sie sich in großen Mengen anreichern können. Bei entsprechender Wasserzusammensetzung und geeigneter chemischer Zusammensetzung der Gehäuse können die Radiolarienschalen dort über lange Zeiträume hinweg erhalten bleiben. Umformungsprozesse in der Erdkruste haben die ozeanischen Ablagerungen teilweise wieder angehoben: Deshalb findet man Radiolariengehäuse auch zu Lande. Besonders die Nicobaren und Barbados sind wegen ihrer reichen Vorkommen an fossilen Radiolarien berühmt.

Die Filmsequenz unten zeigt das glasartige Gehäuse einer fossilen Radiolarie aus Barbados (Gehäuse-Höhe ca. 300 µm), links und rechts davon sehen Sie weitere charakteristische Gehäuseformen von Barbados-Radiolarien.


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Angesichts der völlig berechtigten Begeisterung über die Schönheit der Radiolariengehäuse wird häufig vergessen, daß es sich hier lediglich um die sterblichen Überreste faszinierender, farbenfroher Lebewesen handelt, d.h. wir erfreuen uns sozusagen an der Schönheit von Gerippen.

Werfen wir deshalb auch einmal einen Blick auf eine lebende Radiolarie:


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Lebende Radiolarie aus dem Mittelmeer. Ø ca. 0,2 mm. Nord-Korsika, Planktonnetzfang, Uferbereich, ca. 50 m vor der Küste.

 

Im Foto oben bemerken wir zunächst die dicken, glasartigen Stacheln, außerdem jedoch zwei der sehr viel feineren, dünnen, ebenfalls absolut geradlinigen Plasmafäden, von deren magischen Eigenschaften schon die Rede war.

Wenn Sie im Internet nach Mikrofotos von lebenden Radiolarien suchen, werden Sie überrascht feststellen, daß diese ausgesprochen selten sind. Radiolarien sind schwer zu beobachten und nur schlecht zu fotografieren, weil sie außergewöhnlich fragil und kurzlebig sind. Ihr Leben ist so flüchtig, daß es sich schon in relativ weiträumigen Sammelgefäßen nur kurz erhalten läßt. Noch schlimmer wird die Situation, wenn die Radiolarie bei der mikroskopischen Betrachtung zwischen Objektträger und Deckglas auch nur ein wenig gequetscht wird. Wir müssen dann hilflos zuschauen, wie das farbenfrohe Leben aus den empfindlichen Meeres-Märchenprinzessinnen verschwindet - ein sehr anschauliches Beispiel für die tragische Vergänglichkeit jeglichen Lebens. Die Bildbeispiele unten zeigen diesen traurigen Vorgang, der auch hartgesottene Mikroskopiker melancholisch stimmt. Am Ende bleibt nichts weiter übrig als die tote Schale, welche wir möglicherweise taxonomisch zuordnen, jedoch nie wieder zum Leben werden erwecken können.


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Radiolarie aus dem Mittelmeer (1). Ø ca. 0,2 mm. Zentrales Plasma (rot) im Zellkern, umschlossen von netzartigem peripheren Plasma, aus welchem die Axopodien entspringen.

 

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Radiolarie aus dem Mittelmeer (2). Schon bei geringem Druck des Deckglases werden wir Zeuge des beginnenden Sterbens. Das rote Kernplasma scheint regelrecht nach außen zu fliehen.

 

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Radiolarie aus dem Mittelmeer (3). Kern bei stärkerer Vergrößerung. Die Zerstörungen durch den Druck sind unverkennbar: Die beiden Plasmabereiche fließen ineinander und es sind Brüche im Skelett zu erkennen. Schon der berühmte Zoologe Ehrenberg hat wehmütig festgestellt, daß wir Menschen zwar vieles in kurzer Zeit zerstören können, jedoch selbst die Mächtigsten unter uns nicht einmal in der Lage sind, auch nur eine einzige, kleine Zelle wie diese zu bauen.

 

Ein wenig Fachliteratur

Joachim Stanek und Rainer Wolf: Anschleifen von Einzellergehäusen unter ständiger Sichtkontrolle. MIKROKOSMOS Bd. 91, Heft 4 (2002) S. 241-247.

Gerhard Göke: 150 Jahre Radiolarienforschung. MIKROKOSMOS Bd. 75, Heft 2 (1986) S. 33-39 (Anm. des Verfassers: Enthält exzellente Mikroaufnahmen).

Gerhard Göke: Neue und seltene Radiolarien von Barbados. MIKROKOSMOS Bd. 73, Heft 1 (1984) S. 1-6.

Jean und Monique Cachon, Manfred P. Kage: Radiolarien - Orchideen des Meeres.
Bild der Wissenschaft 15 (1978) S. 36-47.

Raoul Zingg: Ernst Haeckels "Kunstformen der Natur". 1. Radiolarien. MIKROKOSMOS Bd. 64, Heft 2 (1975) S. 42-50.

W. Effenberger: Naturgeschichte der kleinsten Lebewesen. S. 33-39. Stuttgart 1910.

William B. Carpenter: The microscope and its revelations. S. 773-777. London 1891.

Ernst Haeckel: Report on the Radiolaria collected by the H.M.S. Challenger. 1887.

Ernst Haeckel: Die Radiolarien. Berlin 1862.



© Text, Abbildungen und Animation von  Martin Mach

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